„Die beste Arbeitgeberin, die ich jemals hatte“

Franz K., 72 ans

Text: Livia Hofer ● Bilder: Ruben Ung, Tanja Demarmels


 

Seit Januar 2016 führt die Heilsarmee das Wohnheim Hertihus in Bülach mit 23 Bewohnerinnen und Bewohnern.

Der Standort könnte nicht besser sein: Keine fünf Gehminuten vom Bahnhof, an der belebten Einkaufsstrasse, befindet sich das Wohnheim Hertihus. Am grossen Sitzplatz mit Grillstelle hinter dem Haus blüht im Sommer ein stimmungsvoller Blumengarten – und das mitten in Bülach. Die geschichtsträchtige soziale Einrichtung, zuvor von der Genossenschaft Hertihus betrieben, ging im Januar 2016 an die Heilsarmee über. Hier wohnen 23 Männer und Frauen zwischen 18 und 75 Jahren, die aus psychischen, sozialen oder suchtspezifischen Gründen keinen eigenen Haushalt führen können, die es jedoch schätzen, Teil einer Lebensgemeinschaft zu sein und einen geregelten Tagesablauf zu haben.

EINE SINNSTIFTENDE ARBEIT

Den Tagesablauf regelt vor allem die Beschäftigung. Wer nicht ausser Haus arbeitet, findet im hauseigenen Atelier anregende Arbeitsmöglichkeiten. Hier gestalten die Bewohner allerlei Handarbeiten selber – Gebrauchsgegenstände oder Dekoartikel – wozu sie vorwiegend Recyling-Materialien verwenden. Die Arbeitsagoginnen Monica Koch und Susanne Müller begleiten sie. Damit die Erzeugnisse – als Wertschätzung für die Bewohner – verkauft werden, organisiert das Team vor Ostern und vor Weihnachten jeweils einen Markt vor dem Hertihus. Zurzeit wird auch ein Online-Shop aufgebaut.

„Wichtig ist, dass unsere Bewohner durch eine sinnstiftende Arbeit, die ihren Fähigkeiten entspricht, bei uns oder auswärts, im Arbeitsprozess bleiben und dass sie sich gebraucht fühlen“, sagt Institutionsleiterin Doris Haab. Dazu tragen auch Tätigkeiten im Garten oder in der Werkstatt im Untergeschoss des Hauses bei. Auch die Küche unter der Leitung von Christina Widmer bietet interessierten Bewohnerinnen und Bewohnern Arbeitsplätze an. „Für Arbeiten in Küche, Reinigung, Gebäudeunterhalt oder Garten, die sonst das Team übernehmen müsste, gibt es für die Bewohner einen kleinen Motivationslohn von zwei Franken pro Stunde“, erklärt Doris Haab.

PERSÖNLICHE HILFE IM ALLTAG

Jeder Bewohnerin, jeder Bewohner hat eine Bezugsperson. „Diese kann nicht alle Fragen beantworten, aber sie muss zum Beispiel merken, wenn jemand neue Kleider braucht.“ Es sei wichtig, dass die Bewohner gepflegt erscheinen und man ihnen nicht gleich anmerkt, dass sie vom Hertihus kommen – oftmals eine Herausforderung. „Die Bezugsperson hat die Aufgabe, über die Würde der Person zu wachen.“ Aber auch über die Zimmerordnung: Manche Bewohner können ihr Zimmer selber in Ordnung halten. Wenn nicht, schaut die Bezugsperson, dass das Zimmer gereinigt wird. Die Bezugsperson pflegt auch den Kontakt mit den Beiständen und den Angehörigen oder begleitet den Bewohner auf Wunsch zum Arzt.

TÜCHTIGE ALLROUNDERIN

Doris Haab, die Institutionsleiterin, ist eine Allrounderin im wahrsten Sinne. Ursprünglich Krankenpflegerin, dann aber auch viele Jahre als Bäuerin tätig, wechselte sie in den Sozi-albereich, wo sie verschiedene Ausbildungen absolvierte, auch in der Führung. Sie leitete Wohn- und Jugendgruppen und war Bereichsleiterin Ökonomie in einer grossen Stiftung mit mehr als 60 geschützten Arbeitsplätzen für Menschen mit Leistungsschwächen. „Alles fliesst jetzt im Hertihus zusammen“, stellt sie fest.

Das Hertihus leitet Doris Haab seit Sommer 2015, als die Genossenschaft Hertihus sie einstellte mit dem Auftrag, die Institution in die Heilsarmee zu überführen. Anfänglich eher skeptisch, bezeichnet Doris Haab ihre neue Arbeitgeberin heute als „die beste, die ich jemals hatte“. Dass das Heilsarmee-Hauptquartier die Mietformalitäten für die Wohnung der Aussenwohngruppe innerhalb einer einzigen Woche erledigte, dass die Infrastruktur des Wohnheims von den guten Konditionen des Liegenschaftsdiensts profitieren kann, dass in der Heilsarmee christliche Werte nicht nur geäussert, sondern auch gelebt werden – diese und andere Dinge zählt die Institutionsleiterin auf, um zu begründen, weshalb ihr Lob nicht aus der Luft gegriffen ist.

HEILSARMEE EROBERT DIE HERZEN

Erfolgreich war die Überführung zur Heilsarmee auch bei den Bewohnerinnen und Bewohnern. Obschon: Hier hatte der Wechsel anfänglich einige Ängste ausgelöst. Doris Haab erinnert sich: „Die Bewohner befürchteten, zuunterst in der Hierarchiestufe angelangt zu sein. Sie dachten, dass nur jene Leute zur Heilsarmee kommen, für die es sonst keinen Platz gibt. Der bange Zweifel war: ‹Gehören wir nun auch zu denen, die die Gesellschaft nicht will?›“ Die Wende kam, als die Bewohner ihren Gefühlen in Form von Fragen Ausdruck geben konnten. Mit diesen Fragen konfrontierte die interne Hertihus-Redaktion Marco Innocente, Geschäftsleiter Institutionen Ost, in einem Interview, gleichzeitig fühlte sie dem neuen „Chef“ auch als Mensch auf den Zahn (das Interview kann man auf hertihus.ch nachlesen). „Danach war es gut“, so Haab.

Konstanz und Sicherheit schuf auch, dass alle Bewohner ihre Bezugspersonen behalten konnten. Und dass an der ersten Weihnachtsfeier unter Heilsarmee-Flagge Päckli mit flauschigen Frottiertüchern unter dem Christbaum lagen, für jeden und jede in einer anderen Farbe, blies noch die restlichen Zweifel weg. „Sie erkennen nun, dass sie einen Mehrwert haben“, resümiert die Institutionsleiterin.

ZUSAMMEN NACH LÖSUNGEN SUCHEN

Im Hertihaus soll eine gemeinschaftliche, familiäre Atmosphäre herrschen. An diesem Wert misst sich, ob jemand im Hertihus am richtigen Platz ist oder nicht – und nicht etwa das Alter, eine Krankheit oder eine Sucht. So ist beispielsweise die totale Alkoholabstinenz nicht Bedingung für einen Verbleib im Wohnheim. „Die Realität ist: Es gibt Leute, die alkoholkrank sind. Uns geht es darum, dass ihr Alkoholkonsum in einer sozialverträglichen Form geschieht“, sagt Doris Haab.

Dies betrachtet sie differenziert: „Bei uns wohnen zum Beispiel Personen, die arbeiten möchten und von den Fähigkeiten her auch könnten. Es klappt aber nicht, weil sie schon am Morgen trinken. Das sprechen wir an - auch das gehört für mich zur Wertschätzung.“ Bei anderen Personen wirke sich der Alkoholkonsum lebensgefährlich aus. „Hier gilt Nulltoleranz: Diese Personen werden zum eigenen Schutz kontrolliert.“ Andere wiederum gehen allabendlich nach der Arbeit in ein nahegelegenes Lokal und trinken ihr Bier. „Dies ist verträglich mit der Gemeinschaft, die Bewohner machen ihren Job – da sagen wir: Es ist ok.“ „Der Punkt, der uns anzeigt, aktiv zu werden, ist dann erreicht, wenn die Regeln oder das Wohlbefinden des Nächsten verletzt werden“, so Haab. Dies würde nicht in unmenschlicher Art durchgezogen, jedoch ende der Spielraum dort, wo die Grenzen eines anderen überschritten würden. „Die Auflagen dienen dazu, dass die Menschen eine Entscheidungsmöglichkeit haben. Damit zeigen wir auch, dass wir sie ernst nehmen.“

EIN GARTEN FÜR ALLE

Für Bewohnerinnen und Bewohner, die zwar Betreuung brauchen, aber selbständig wohnen können, besitzt das Hertihus zwei Aussenwohngruppen. Die eine mit Platz für drei Bewohner befindet sich im Nachbarhaus und wurde erst kürzlich zugemietet: „Ein Glück“, sagt Doris Haab, welche das Inserat in der Zeitung las – von der Terrasse dieser Aussenwohngruppe sieht man direkt auf den Grillplatz des Hertihus herab.

Die andere Aussenwohngruppe mit Platz für sieben Bewohner ist die Frohburg. Die Villa mit Jahrgang 1923 liegt gleich neben dem Bahnhof Bülach, nur ein paar Schritte vom Hertihus entfernt. Sie besitzt einen riesigen und wunderschönen Garten. „Im Sommer arbeiten wir hier an schönen Tagen mindestens zwei Stunden, und auch unsere Grillfeste finden hier statt“, schwärmt Doris Haab.

Der Garten mit Biodiversität, einem Hühnerhaus und zwei Bienenstöcken ist eine geordnete Wildnis. Wer möchte, kann auch ein eigenes Beet bepflanzen. „Wir sind aber nicht Selbstversorger, sondern nutzen einfach das schöne Grundstück.“ Ein Baum wurde gefällt: „Daraus wollen wir Bänke erstellen, damit die Leute, die nicht arbeiten können, hier sitzen und auch dabei sind“, freut sich die Leiterin.

 

Frank K.

Angekommen im Hertihus

Franz K.*, 72, erzählt.

 

Text: Tamara Traxler ● Bild: Ruben Ung


 

„Zum Lebensabend machten meine Frau und ich es uns in unserem Wohnwagen gemütlich und lebten unseren Traum: Reisen auf vier Rädern! Den Wagen hatte ich mit meinen eigenen Händen ausgebaut. Nach der Pension gaben wir unsere Wohnung auf. Ende Jahr fuhren wir zum Überwintern jeweils nach Spanien. Das ungebundene Leben war immer unser Traum gewesen. Viele Jahre hatten wir gespart, um quer durch Europa reisen zu können.

Auf einer Fahrt nach Deutschland wurde meine Frau schwer krank. Damals grassierte eine Epidemie mit Symptomen einer Darmgrippe im Norden Deutschlands. Vreni klagte über starke Schmerzen, musste sich dauernd übergeben und war bald so schwach, dass sie den Rollator zum Gehen brauchte. Ich brachte sie zurück in die Schweiz ins Spital, doch es half nichts. Nach wenigen Tagen hatte Vreni den Kampf gegen die Bakterien verloren.

Mit dem Tod meiner Frau starb auch ein Teil von mir. Ich stürzte in ein grauenhaftes Loch und verschanzte mich im Wohnwagen, doch es war kein Gefühl mehr von Zuhausesein. Ohne Vreni hatte alles keinen Sinn mehr. Ich war allein mit meinem Schmerz. Mit Alkohol versuchte ich, den Verlust zu verdrängen. Ich kümmerte mich um nichts und niemanden mehr, liess mich total gehen und bezahlte keine Rechnungen mehr. Den Ernst der Lage erkannte ich erst, als ein Mann vom Amt vor der Tür stand. Ich musste den Wohnwagen verkaufen und in eine Sozialwohnung ziehen.

Ein Sozialarbeiter drängte mich, in ein betreutes Wohnheim zu ziehen. Ich konnte meine Not nicht mehr leugnen und besuchte mit ihm das Hertihus der Heilsarmee in Bülach. Anfangs war ich skeptisch, aber heute bin ich sehr froh, dass ich eingezogen bin. Hier habe ich eine sinnvolle Aufgabe gefunden. Von einem Tag auf den anderen hörte ich mit dem Trinken auf. In der hauseigenen Werkstatt arbeite ich mit Holz. Es gelingt mir, kleinste Puzzleteile auszusägen. Jedes Landschaftspuzzle ist ein Unikat und erinnert mich an die Orte, die ich mit meinem Vreni besucht habe.“

 

* Zum Schutz der Privatsphäre wurde der Name geändert und eine andere Person abgebildet.