„Ich will Freiheit, auch für Frauen“

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Interview: Livia Hofer ● Bilder: zVg


 

Die 18-jährige Afghanin Maria Khoshy ist seit fünf Jahren in der Schweiz und macht zurzeit eine Ausbildung als Büroassistentin im Heilsarmee-Hauptquartier. Die junge Frau beantwortet Fragen zu ihrem bewegten Lebenslauf.

Maria, warum bist du mit deiner Familie aus der Heimat geflüchtet?
Meine Eltern stammen aus Afghanistan, aber wegen der Talibankriege waren sie nach Pakistan geflüchtet. Ich wurde dort geboren und ging bis in die 6. Klasse zur Schule, danach wurde dies für Frauen verboten. Wenn die Mädchen 13 oder 14 Jahre alt sind, müssen sie heiraten. Mein Vater wollte das nicht und entschied sich deshalb 2011, mit uns in die Schweiz zu flüchten.

Bei eurer Flucht warst du 13 Jahre alt. Erinnerst du dich noch daran?
Sehr gut. Von Pakistan nach Afghanistan fuhren wir zwölf Stunden mit dem Auto. Dann flogen wir mit gefälschten Pässen in die Türkei. Von dort gingen wir zwei Tage lang zu Fuss bis nach Athen. Ich war die Jüngste in der Gruppe von 38 Menschen aus verschiedenen Ländern, die von Schleppern angeführt wurde. Wir hatten nur das Nötigste in Rucksäcken dabei und schliefen draussen, ohne Schlafsack und ohne Zelt. In Athen lebten wir drei Wochen lang papierlos, bis uns ein Schlepper vier gefälschte Pässe brachte: für mich, meine zwei Schwestern und meinen Bruder. Wir flogen nach Zürich, meine Eltern und eine Schwester blieben dort.

Sind deine Eltern immer noch in Athen?
Nein. Wenig später wurden sie in Griechenland festgenommen und nach Afghanistan rückgeschafft. Dort blieben sie vier Jahre im Dorf meines Vaters. Wir verloren den Kontakt. Als aber die Taliban mehrmals versuchten, meiner Schwester die Heirat mit einem viel älteren Mann aufzuzwingen, entschieden sich meine Eltern, zu uns in die Schweiz zu flüchten. Sie sind seit 2015 hier.

Wie verlief deine erste Zeit in der Schweiz?
Nach drei Wochen im Empfangszentrum Basel wurden wir nach Köniz ins Heilsarmee-Flüchtlingszentrum Brühlplatz transferiert. Nach anderthalb Jahren hat uns die Heilsarmee Flüchtlingshilfs eine Wohnung in Kehrsatz zugeteilt. Meine älteren Geschwister waren aber die meiste Zeit ausser Haus, so dass ich oft allein war. In Köniz beendete ich die Primarschule und absolvierte die Oberstufe. Danach besuchte ich das 10. Schuljahr an der BFF in Bern.

Wie war deine Begegnung mit der Heilsarmee?
Als wir im Flüchtlingszentrum Brühlplatz lebten, fragte ich mich oft, was dieses rote Schild (das Logo der Heilsarmee) zu bedeuten habe, das ich überall sah. Ich dachte: Wenn das eine Organisation ist, dann will ich diese einmal unterstützen, weil sie mir hilft. Später, in der Oberstufe, freundete ich mich mit Tiffany an, deren Mutter Vivian Wiedemer im Heilsarmee-Hauptquartier arbeitet. Als ich einmal bei ihnen zu Mittag ass, sah ich das rote Schild wieder.

Wie kamst du zu deiner Lehrstelle im Hauptquartier?
Im 10. Schuljahr vermittelte mir Vivian Wiedemer eine Schnupperlehre bei der Heilsarmee. Es gefiel mir sehr und ich bekam ein gutes Feedback. Da ich mich für eine Lehrstelle interessierte, half mir Vivian Wiedemer, mich zu bewerben. Und dann, am 23. Dezember 2015, erhielt ich einen Anruf von der Heilsarmee: Ich hatte die Lehrstelle bekommen! Das war ein schönes Weihnachtsgeschenk! Im August 2016 konnte ich anfangen.

Wo wohnst du jetzt?
Seit meine Eltern in der Schweiz sind, wohne ich wieder bei ihnen. Sie wollen, dass ich zu ihrer Kultur zurückkehre. Aber das geht nicht gut, weil ich allein gewohnt habe und mir selber Mutter und Vater sein musste. Jetzt bin ich erwachsen und möchte eigene Entscheidungen für mein Leben treffen.

Was machst du in deiner Freizeit?
Ich treibe Sport und engagiere mich für Projekte. Zum Beispiel bin ich Mitglied der young-CARITAS und engagiere mich dort bei der Betreuung von Flüchtlingen. Drei Jahre lang half ich auch bei der Begleitung von Unbegleiteten Minderjährigen Asylsuchenden mit. 2015 nahm ich im Bundeshaus an der Jugendsession teil.

Was für einen Status hast du?
Ich habe den Ausweis F (vorläufig aufgenommene Ausländerin). Weil ich seit fünf Jahren in der Schweiz bin, habe ich den Ausweis B beantragt. Doch mein Gesuch kommt nicht vorwärts, da ich keinen Identitätsausweis habe. Die Ungewissheit macht mich traurig.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Zuerst will ich meine Ausbildung als Büroassistentin abschliessen und eine KV-Lehre machen. Dann möchte ich die Matur nachholen und Jus studieren, vielleicht auch Politikwissenschaften. Danach will ich Politikerin werden. Mein grosser Traum ist, die erste weibliche Präsidentin von Afghanistan zu werden – aber erst, wenn ich mit allem fertig bin, also frühestens mit 40 Jahren.

Was willst du Afghanistan geben?
Freiheit, auch für die Frauen. Dass alle obligatorisch in die Schule müssen. Dass korrupte Leute ins Gefängnis kommen. Dass Frauen geholfen wird, die unschuldig im Gefängnis sind, und Kindern, die auf der Strasse leben. In Afghanistan und der Welt sagt man: „Wenn du viel Geld hast, bist du blind.“ Für mich ist das anders. Ich sehe die Menschen. Vielleicht werde ich auch Menschenrechtlerin. Ich habe hohe Ziele.

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