Vom Süchtigen zum Helfer

Bruno Wasser lebte auf der Strasse und war einer von Hunderten Süchtigen im Kocherpark. Heute gibt er denen ein Bett, die keines mehr haben.

Stinkende Socken, ein schnarchender Zimmergenosse oder jemand, der die Fernbedienung des TV sogar auf die Toilette mitnimmt: Manchmal brauche es wenig, bis die Fetzen fliegen. So erst kürzlich: Ein Klient schlug die Fensterscheibe ein, ging mit einer Glasscherbe auf einen anderen los, Blut spritzte, Stühle gingen kaputt, die Polizei rückte an.
Die Aufgabe von Bruno Wasser ist es, die Situation zu beruhigen, bevor sie sich derart aufheizt. Seit elf Jahren arbeitet er nun im Passantenheim der Heilsarmee, das zurzeit vom Alten Zieglerspital wieder an den gewohnten Standort in der Muristrasse zügelt.
Läuft er durch die Gänge, grüssen ihn die Leute. Eine Frau mit einer dunklen Sonnenbrille nippt an einem Glas Cola, ein Mann am Tisch daneben löst ein Kreuzworträtsel. Im Fernsehzimmer liegt ein Mann gestreckt auf dem Sofa, trägt Wintermütze und Bart, an den Füssen Wollsocken. Auf dem TV-Gerät läuft ein Spielfilm.
Normalerweise werden die Schlafzimmer, in denen jeweils vier Männer oder Frauen für 15 Franken pro Nacht ein Bett erhalten, tagsüber geschlossen. Damit wollen die Verantwortlichen der Heilsarmee erreichen, dass die Leute nicht tagsüber schlafen: «Sonst wird die Nacht zu einer Party», sagt Bruno Wasser. Seine Augen und seine Erfahrung verraten: Nein, das Passantenheim wäre der falsche Ort für eine nächtliche Fete.

Alle Ventile klemmen
Die Pandemie beschäftigt die Personen, die im Passantenheim Unterschlupf suchen. Bruno Wasser stellt fest: Die Menschen im Passantenheim sind müde. Müde von Corona, müde von den geschlossenen Beizen und den eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten. Alle Ventile, um Druck abzubauen, klemmen - seit Monaten. Keine Ablenkung, kein Entkommen. Damit sich die Leute zurückziehen können, bleiben zumindest die Zimmer zurzeit während des ganzen Tages offen. Aber das reicht nicht: Viele sind empfindlich, das Aggressionspotenzial ist hoch.
Ein junger Mann, der auf der Gittertreppe an seiner selbst gedrehten Zigarette zieht, versucht, die Fähigkeiten von Bruno Wasser in Worte zu fassen. Dieser wisse bei jeder Person, wie er mit ihr reden müsse. Er besitze eine grosse Menschenkenntnis: «Brünu kann hinter die Fassade der Leute schauen.»
Menschen zu verstehen, auf ihre Bedürfnisse einzugehen und ihnen ein offenes Ohr zu bieten, das hat Bruno Wasser über die Jahre hinweg gelernt. Die Personen, die im Passantenheim anklopfen, sind unterschiedlich, von jeder lernt der 49-Jährige etwas dazu. Jugendliche, bei denen es zu Hause mit den Eltern kracht, Mittfünfziger, deren Beziehungen in die Brüche gehen, oder Leute, die aus der Wohnung geworfen werden. «Das Eis ist manchmal dünn. Und wenn es einbricht, wird es saukalt.»

Zwei Optionen: Tod oder Gefängnis
Die Erfahrung, alles zu verlieren, machte Bruno Wasser selber. Angefangen hat seine Talfahrt mit einer Haschischzigarette auf dem Pausenhof und der Erfahrung, dass er durch den Konsum von Drogen in seine eigene Welt abdriften konnte. Die mit Konflikten durchsäte Umgebung wurde abgedimmt wie ein zu helles Licht.
Mit 16 sass Bruno Wasser dann zum ersten Mal auf dem Rücksitz eines Polizeiautos: eine Drogenrazzia auf der Kleinen Schanze. Konfisziert: Sehr viel Haschisch. Um seinen Konsum zu finanzieren, brauchte er seinen ganzen Lehrlingslohn und begann, das Haschisch auch weiterzuverkaufen. Die Probleme mit der Polizei und den Eltern mehrten sich, wegen der Drogen landete er auf der Strasse. Einige Zeit lebte er ohne Dach über dem Kopf, hing fünfeinhalb Jahre an der Nadel, erlebte das Elend im Berner Kocherpark. Die Bilder von den Hunderten Fixern, die in den Unterständen und Zelten Unterschlupf suchten, wird er nie vergessen. Ein Park voller Spritzen und Schicksale, Tote und Süchtige nebeneinander.
Bruno Wasser wollte sich immer wieder loslösen von diesem Ort, sich befreien von den Drogen, aber der Entzug sei zu heftig gewesen. Die Hoffnung war sogar bei seinem Sozialarbeiter gestorben. «Ich sah aus wie eine angekleidete Fischerrute. Bei mir gab es nur noch zwei Optionen: Tod oder Gefängnis.» Er entschied sich für den Tod. Und erwachte mit blauen Lippen.

Zerbrechliche menschliche Existenz
Der Entzug klappte irgendwann doch. «Die meisten beten erst, wenn sie auf dem Sterbebett liegen. So war es auch bei mir. Ich wusste, dass ich draufgehe, wenn ich so weitermache. Also habe ich gebetet, habe geheult und geheult und wurde drogenfrei. So, als hätte Gott einen Schwamm genommen und meine Drogensucht weggewaschen.» Seither spürt er kein Verlangen mehr. Weil er seine Konflikte angeht, anstatt sie zu unterdrücken. Er hat aber auch: Zwei Kinder, die ihn unterstützen, das Gespräch mit Gott, das ihm Halt gibt, und die Malerei, die ihn abschweifen lässt.
Nach einem halben Jahr Clean-Sein zog Bruno Wasser los und wurde Gassenarbeiter. Die Polizei wusste nicht, auf welcher Seite er stand. Kein Wunder: «Würde ich mir selber begegnen, damals zu den schlimmsten Zeiten, ich würde mich selber nicht mehr erkennen.»
Von seiner Zeit auf der Strasse hat er gelernt, wie zerbrechlich die menschliche Existenz ist. «Und trotzdem kann ein Körper so viel aushalten.»
Durch ein Sozialpraktikum landete Bruno Wasser im Passantenheim der Heilsarmee. Dort gibt er den Notdürftigen ein Bett, hilft ihnen, die richtigen Papiere von den Behörden zu kriegen, und unterstützt sie bei der Suche nach einer neuen Wohnung. Oder er ist einfach da. Er ist überzeugt, dass er mit den Leuten gerade deshalb so gut umgehen kann, weil er ihre Geschichte nicht nur nachvollziehen kann, sondern sie teils selbst erlebt hat. Er vergleicht es so: «Gibt dir jemand Erziehungstipps und hat selbst keine Kinder, fühlt man sich belehrt.» Zumindest was das Thema Sucht angeht, ist er sicher: «Was Drogen betrifft, kann mir niemand etwas vormachen.»

Author: Quelle: BZ Forum (25.02.2021)