Licht und Schatten im Passantenheim

Selten hat Kurt Hanhart so viele Lebensmittel an Bedürftige abgeben müssen wie im letzten Jahr.

Der Institutionsleiter des Passantenheims Thun sagt: «Die Not ist noch nicht vorbei.» Aber es gibt auch Aufsteller – wie der Besuch der Coiffeuse Karin Flückiger. 

Im Passantenheim Thun ist den meisten egal, wie sie aussehen. Aber als Karin Flückiger sanft mit den Fingern durch Stefan Gerbers Haare fährt und ihm, den hier alle nur «Vätu» nennen, ein Haarwasser einmassiert, das nach Menthol duftet, da sagt «Vätu»: «Da könnte ich stundenlang hinhalten».

Leben
Im Passantenheim Thun sind alle willkommen. Alkoholsüchtige, Drogenabhängige, Menschen mit psychischen Problemen. Ein mehrstöckiges Haus an der Waisenhausstrasse in Thun, zehn Gehminuten vom Bahnhof weg. Draussen stehen Sitzgelegenheiten, die «Bank der Barmherzigkeit» und die Bank der «Rand-An-Ständigkeit», und ein paar Aschenbecher. Drinnen gibts einen TV-Raum und WLAN und hier und da einen Bibelvers. «Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben», steht auf einem orange-roten Bild.

Leben – dazu gehört ein anständiger Haarschnitt, findet Karin Flückiger. Ihr Ledergilet zieren zahlreiche Pins, auf der Brust ist ihr Spitzname, «Karli», eingestickt. Der Trimmer surrt, die Schere schnippelt, leise fallen die dunklen Locken auf den hellen Boden. Während sie im Erdgeschoss Bewohnerinnen empfängt, deren Haare seit eineinhalb Jahren nicht mehr geschnitten wurden, erzählt Kurt Hanhart im Büro im ersten Stock, wie sich die Pandemie auf seine Institution ausgewirkt hat. Dass es ein Defizit-Jahr geben würde, hat er geahnt.

Corona führte zu erhöhter Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten
Das Basisangebot des Passantenheims beinhaltet eine Übernachtungsmöglichkeit mit Frühstück. Seit Corona schlafen die Bewohnerinnen und Bewohner in Einzelzimmern – wegen der Abstandsregelung. Einer der wenigen Vorteile der Pandemie. Weil die Nachfrage nach einem Unterschlupf vor einem Jahr so stark stieg, eröffnete das Passantenheim Thun im Pfadiheim Steffisburg eine temporäre Notschlafstelle.

Nun hat sich die Situation im Passantenheim etwas entschärft. Im Moment sei es ruhig, sagen die Bewohner. Stefan Gerber, «zweifacher Vater, dreifacher Grossvater», darum «Vätu», lebt seit Jahren im Passantenheim. Er sitzt draussen vor dem Eingang und streicht mit dem Finger über sein Smartphone. «Ich habe einiges erlebt», sagt er, und die Furchen in seinem Gesicht zeugen davon.

Notschlafstelle Steffisburg vorerst zu
Einen Stock höher sitzt Kurt Hanhart auf einem Stuhl im Büro des Passantenheims. Er hat um 11.00 Uhr einen Termin für die Übernahme einer Wohnung. «Die Anfragen für begleitetes Wohnen haben stark zugenommen», sagt der Leiter des Passantenheims.

Viele Leute hätten gespürt, dass sie für sich eine Wohnung bräuchten. Sei es, weil Freizeitangebote fehlen, die Leute einander in den Wohnungen weniger ausweichen könnten – oder schlicht, weil viele mittlerweile gemerkt hätten, dass die Pandemie ernst ist und sie dementsprechend ihre Kontakte reduzieren wollten. Elf Wohnungen betreut seine Institution, oftmals leben dort Menschen, die vorher im Passantenheim gewohnt haben.

Elf Zimmer kann er an der Waisenhausstrasse normalerweise anbieten für Menschen, «die nicht wissen wohin». Sechs seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Das Konzept des Passantenheims hat sich bewährt: «Wir hatten bisher keinen einzigen Corona-Fall», sagt Hanhart. Das gesamte Team sei gesund geblieben. Und die Nachfrage nach Zimmern hat mittlerweile abgenommen. Die Notschlafstelle im Pfadiheim Steffisburg bleibt darum vorerst geschlossen. «Wenn alle Stricke reissen», könnte sie reaktiviert werden, so Hanhart.

Passantenheim in Not
Die Zimmerreduktion im Passantenheim wirkte sich finanziell aus. Die Einnahmen – in aller Regel bezahlt der Sozialdienst den Aufenthalt – gingen zurück. Der Betrieb des Passantenheims ist bereits in regulären Jahren nicht kostendeckend, ein Verlust ist einkalkuliert. Getragen wird die Institution von Spenden. 2020 stieg der Verlust jedoch um rund 30'000 Franken an. «Wir verzeichneten einen Verlust von insgesamt 70'000 Franken», sagt Hanhart. «Einen Teil konnten wir durch Spenden, die wir von der Heilsarmee erhielten, auffangen. Interessanterweise hat die Heilsarmee im letzten Jahr viel mehr Spendengelder erhalten als in anderen Jahren.»

Die Stiftung Heilsarmee Schweiz betreibt landesweit eine Vielzahl an Institutionen, die ihrerseits jedoch unabhängig mit eigenem Budget betrieben werden. In Ausnahmefällen wie dem letzten Jahr helfe die Stiftung, die unabhängigen Betriebe zu tragen, sagt Hanhart. Im letzten Jahr kam eine Spende der Glückskette im Rahmen von einer halben Million hinzu. Diese Beiträge an die Betriebe seien wichtig, denn: «Obdachlose wird es immer geben.»

«Die Not ist noch nicht vorbei»
Auch wenn die Nachfrage nach Zimmern im Passantenheim derzeit bewältigt werden kann, seien vermehrt Menschen von Sozialleistungen abhängig, sagt Kurt Hanhart. Während er und sein Team 2019 rund 5500 Menschen gratis mit Lebensmitteln versorgten, waren es 2020 rund 7000 Menschen – ein Anstieg von ungefähr 20 Prozent. «Mehr Menschen in Not, das war eine der Auswirkungen der Pandemie, die wir feststellten. Und die Not ist noch nicht vorbei», sagt der Leiter des Passantenheims Thun.

«Vätu» möchte nach Spiez
«Ich bin ein Fernseh-Star», ruft «Vätu» aus und zeigt auf seinem Handy den Beitrag aus der Tagesschau von Weihnachten 2019. Damals kam das SRF vorbei und begleitete den gelernten Koch bei den Vorbereitungen fürs Weihnachtsessen. Er korrigiert die Moderatorin auf dem Bildschirm und flucht darüber, dass ihm kaum jemand geholfen habe, damals, als er für 70 Personen kochte. Aber eigentlich, so sagt er, hat er im Passantenheim seinen Frieden gefunden. Seit acht Jahren lebt er im Passantenheim. Er möchte zurück nach Spiez, 2,5-Zimmer-Wohnung – «aber so einfach ist das nicht». Er streicht sich über seine frisch geschnittenen Haare, «zwölf Millimeter». Das Wichtigste, sagt er jetzt, seien seine Kinder. «Mein Fleisch und Blut, das ist es, was zählt. Der Rest ist mir gleich.»

 

Author: Quelle: Jungfrau Zeitung (28.04.2021)