Margarete Anke unterwegs mit Heilsarmee Offizierin

«Mir bleiben 20 Franken monatlich für Essen.»

«Ganz auf mich allein gestellt, haben mein Sohn und ich immer in bescheidenen Verhältnissen gelebt. Dann verlor ich meine Arbeit und unsere Lage verschlechterte sich. Aufgeben kam für mich nicht in Frage. Ich verwirklichte meinen Kindheitstraum und ging in die Pflege. Doch der Verdienst reicht nicht aus.» 
Margarete Anke (53)

Armut als ständiger Begleiter

«In meinem bisherigen Berufsleben war ich in verschiedenen Branchen tätig. So war ich für den Ein- und Verkauf von Kaffee zuständig und habe als gelernte Bautechnikerin für ein Möbelhaus als Einrichtungsberaterin gearbeitet. Aktuell arbeite ich der Altenpflege und mache die Ausbildung zur eidg. geprüften Fachfrau für Gesundheit und Soziales – die Erfüllung meines Kindheitstraumes.

Trotz meiner ständigen Arbeitstätigkeit lebten mein Sohn und ich immer in sehr bescheidenen Verhältnissen. Mein inzwischen erwachsener Sohn leidet von Geburt an einer chronischen Erkrankung. Nicht alles, was ihm in seinem Leiden Linderung brachte, wurde von der Krankenkasse bezahlt.

Ohne finanzielle Unterstützung des Kindsvaters, allein mit all den Rechnungen, konnte ich uns nicht den kleinsten Luxus gönnen. Eine schwierige Situation für meinen Sohn und eine sehr belastende für mich als Mutter. Während seine Freunde ihre Ferien auf Skiern verbrachten, blieben wir zuhause. Machten sie den Führerschein, war ich froh, wenn das Geld für die Busfahrkarte reichte.»

Nachdenken über Armut

Überleben mit finanziellen Zwängen, die einem die Würde rauben

«Wer sagt, dass Geld nicht glücklich macht, weiss nicht, was Armut bedeutet. Mit diesem Geld, das jemanden nicht glücklich macht, kann ich zwei Rechnungen bezahlen. Dann bin ich glücklich und beruhigt. Mit dem Geld, das jemanden nicht glücklich macht, kann ich vielleicht wieder mal ins Theater oder meine Freundin in ein Café einladen.  

Als ich nach über zehn Jahren Tätigkeit für ein Möbelhaus aufgrund des Verkaufs des Unternehmens meine Arbeit verlor, wählte ich bewusst die Region Reinach für meinen Neustart. Hier habe ich Freunde und hoffte, nicht allein zu sein. Nach langwierigen Verhandlungen, bewilligte das RAV (Regionale Arbeitsvermittlung) die Ausbildung zur Pflegefachfrau.

Nach einigen Praktika konnte ich im Altersheim in der Pflege beginnen. Zu Beginn arbeitete ich in einem 60-Prozent-Pensum. Der Verdienst reichte jedoch gerade mal für die Miete und die Krankenkasse. So wechselte ich in die Nachtschicht. Durch die Zulagen und das höhere Pensum verdiente ich mehr, dafür kam mein soziales Leben zum Erliegen. Wenn meine Freunde aufstanden und ihren Tag begannen, habe ich meinen beendet. Ohne gesellschaftliche Kontakte verkümmert der Mensch, und so ging ich nach sechs Monaten zurück in die Tagesschicht.»

Armut bedeutet, dass alles, was einen Menschen intellektuell und gesellschaftlich ausmacht, nicht stattfindet.

Margarete Anke
Mitarbeiterin Pflege
Hand greift in ein Regal mit Waschmitteln
Bei jedem Einkauf ist rechnen und sparen angesagt: welches Waschmittel kann ich mir leisten?

«Ist man einmal von Armut betroffen, ist es sehr schwer, dem ewigen Kreislauf zu entkommen. Würde ich auf das Auto verzichten, hätte ich etwas mehr Geld zur Verfügung. Dieses würde jedoch umgehend in die Schuldenbegleichung fliessen. Ich könnte nicht mehr arbeiten und auch meine Ausbildung in Brugg nicht zu Ende führen – deshalb bin ich auf das Auto angewiesen.

Das Gleiche bei der Krankenkasse: Ich brauche aufgrund starker Schmerzen mehrmals im Jahr eine Kortisonspritze. Verzichte ich darauf, werden die Schmerzen irgendwann so stark, dass ich nicht mehr arbeiten kann und der Gesellschaft nicht mehr von Nutzen bin. Und wenn ich die Behandlung machen lasse: Wie bezahle ich den Selbstbehalt?

Ich kann mir nicht die kleinste Zusatzausgabe leisten, auch im gesellschaftlichen Leben. Ich wünsche mir sehr, Freunde einzuladen, sie mit einem selbstgekochten Essen zu verwöhnen und ihnen so zu zeigen, wie wichtig sie mir sind. Aber es geht nicht.

So auch letzthin auf der Arbeit, als für eine neue Kollegin gesammelt wurde. Es war kurz vor der Lohnzahlung und ich hatte gerade mal 20 Rappen im Portemonnaie. Also suchte ich eine Ausrede, weshalb ich meinen Beitrag erst nach dem Wochenende geben kann.

So ist man – unsichtbar für die Gesellschaft – immer getrieben, seine Lage zu verschleiern. Zur Basis einer selbstbestimmten Existenz gehört, frei entscheiden zu können, was ich tun will und was nicht. Als Armutsbetroffene habe ich diese Freiheit jedoch nicht.

Ich wünsche mir, mein Leben vermehrt selbst gestalten zu können, ohne vom Budget daran gehindert zu werden.

Die Not wird immer grösser

«Meine finanzielle Lage verschlechterte sich zunehmend. Irgendwann waren meine Nöte so gross, dass ich mit dem Rücken an der Wand stand und keine Kraft mehr fand, gegen die Widerstände anzukämpfen.

Ohne meine beste Freundin wäre ich verloren gewesen. Sie hat mich ermutigt, Hilfe zu suchen, und hat mich in die Heilsarmeegemeinde in Reinach begleitet.

Im Gespräch mit Nadine Gazzetta, der Bereichsleiterin der Sozialdiakonie, legte ich meine Situation offen dar. Sie nahm sich meinen Ängsten und Sorgen an, hat mich beraten und mir von der Lebensmittelabgabe der Heilsarmeegemeinde erzählt. Dank diesem bedeutenden Angebot habe ich auch in der zweiten Monatshälfte etwas zu essen. Das Wichtigste aber ist, dass ich meinen Mut wiedergefunden habe. Zu wissen, dass es nicht meine Schuld ist, hat mir sehr geholfen.

Ich bin der Heilsarmee sehr dankbar für die unbürokratische, sehr menschliche und würdevolle Hilfe. Ich rate jedem, der dringend Hilfe benötigt, zur Heilsarmee zu gehen.

Nach dem Abschluss meiner Ausbildung 2021 verfüge ich über die notwendigen Zertifikate, um in meinem Beruf mehr Verantwortung übernehmen zu können und so auch einen besseren Verdienst zu erzielen. Dann hoffe ich, mir nach dem Einkauf einen Kaffee gönnen zu können, Freunde zu bekochen oder wieder einmal eine kulturelle Veranstaltung besuchen zu können. Einfach normal leben zu können.»

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