«So weit unten war ich in meinem ganzen Leben noch nie.»

Erika* mit Markus Brunner von der Heilsarmee
Heute kann sie wieder lachen: Erika zusammen mit Markus Brunner von der Heilsarmee.

«Es war Ende September. Ich kehrte nach vier Jahren von einer gescheiterten Auswanderung nach Spanien zurück in die Schweiz. Abgemacht war, dass ich vorübergehend bei einer Freundin unterkomme. Doch davon wollte sie plötzlich nichts mehr wissen.

Wie weiter? Ich fand mich mit meinen zwei Koffern auf der Strasse wieder. Selbst die Jugendherberge war zu teuer, die Notschlafstelle voll besetzt und beim Kloster stand ich vor verschlossenen Türen. Mir blieb nichts anderes übrig, als draussen zu übernachten.

Kalte, endlose Nächte

Mit dem wenigen Geld, das ich bei mir hatte, kaufte ich zu essen, duschte am Bahnhof und wusch die Kleider im Waschsalon. Ab und zu bestellte ich in einem Restaurant etwas zu trinken, um mich ein wenig aufzuwärmen und die Toilette zu benutzen.

Die knappen Mittel gingen rasch zur Neige. Ich biss mich durch, weil ich dachte: 'Irgendwann muss es doch eine Lösung geben!' Die Tage verbrachte ich am Bahnhof, in der Nacht kauerte ich mich an eine überdachte Busstation.

Da sitzt man dann, schaut auf die Uhr und zählt die Stunden – die Nächte sind endlos. Tagsüber sind die Temperaturen erträglich, aber nachts ist es bitterkalt. Ich habe Arthrose in den Knien, sie schmerzen vor allem bei Kälte.»

Rettung in der Not

«Nach einer Woche am Bahnhof wurde ich von Simon angesprochen. Er ist Mitarbeiter der SIP (Sicherheit, Intervention, Prävention). Diese Institution kümmert sich um Randständige und schliesst die Lücke zwischen Polizei und Sozialarbeit. Simon schenkte mir eine Notfalldecke und riet mir, bei der Heilsarmee anzurufen. Eine weitere Woche zog ins Land, dann sprach ich mit den Heilsarmeeoffizieren Markus und Eva Brunner. Jetzt ging es schnell: Am gleichen Abend zog ich in ein Notzimmer der Heilsarmee ein.

Eva und Markus Brunner waren überrascht. Obschon ich auf der Strasse gelebt habe, war ich nicht - wie viele mit dem gleichen Schicksal - drogensüchtig oder Alkoholikerin. Allerdings hatte ich einen ordentlichen Husten als ich eintrat.

Der Tipp von Trudy

Das Notzimmer, das ich bezog, ist zweckmässig eingerichtet: ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, ein Lavabo.

Nach zwei Wochen auf der Strasse war dieses Zimmer richtig komfortabel! Nun war ich erst einmal in Sicherheit und hatte Zeit, meine Lage zu überdenken. Ich nutzte die Tage, um die Ergänzungsleistungen zu reaktivieren, die ich im Ausland nicht erhielt.

Ich setzte mir eine Frist: 'Innerhalb von zwei Monaten möchte ich eine Wohnung finden.' Das war sehr schwierig, aber ich hatte Glück: Im zweiten Heilsarmee-Notzimmer wohnte Trudy*. Die junge Frau suchte selbst intensiv nach einer Wohnung und wurde fündig. Sie erfur, dass im Haus eine weitere Wohnung frei war – und gab mir den Tipp weiter. Ich packte die Chance und konnte nach sieben Wochen bei der Heilsarmee meine eigene 2,5-Zimmer-Wohnung mieten.

Zuversichtlich in die Zukunft

Ich blicke zuversichtlich in die Zukunft. Jetzt kann ich wieder meinem Hobby nachgehen: Ich koche und backe leidenschaftlich gerne. Noch selten habe ich Brot gekauft. Weggli, Gipfeli, Kuchen, Lasagne, Ravioli – ich mache alles selbst. 

Der Heilsarmee bin ich sehr dankbar und ich möchte den Kontakt aufrechterhalten.»

 

Auch die Offiziere Eva und Markus Brunner sind froh, dass sie helfen konnten: «Erika hat alles ganz selbstständig gemacht. Sie kann sich gut organisieren und kooperieren. Und Kooperation braucht es immer, sonst funktioniert es nicht.» Möchten Sie, dass wir weiteren Menschen wie Erika und Trudy eine Hilfe sein können? Dann unterstützen Sie uns am besten mit einer Spende.