„Ich wollte nur noch sterben, doch sie gab mir neuen Mut“

● Text: Livia Hofer ● Bild: Werner Tschan


 

Im folgenden Interview blicken der inzwischen wieder entlassene Peter Glaus* und seine Frau Valérie Glaus* auf die fünf schlimmsten Monate ihres Lebens zurück - und auf das, was ihnen Hoffnung gab.

* Namen geändert

Wie sind Sie auf das Projekt „Angehört“ aufmerksam geworden?
Valérie Glaus: Mein Mann war plötzlich nicht mehr da. Ich weinte die ganze Zeit. Mein ältester Sohn sah, dass ich Hilfe brauchte, suchte im Internet und fand den Angehörigendienst der Heilsarmee. Obwohl ich verzweifelt war und mir grosse Sorgen um unsere Zukunft machte, war ich erst nach einiger Überlegung soweit, Hilfe annehmen zu können.

Wie kam es, dass Sie in eine finanzielle Notlage gerieten?
Valérie Glaus: Einen Monat nach der Inhaftierung sistierte der Arbeitgeber die Lohnzahlung meines Mannes und ich stand da mit vier Kindern, dem Haus und Steuerschulden. Obwohl meinem Mann bis heute kein Vergehen nachgewiesen werden konnte, wurde ihm trotz Unschuldsvermutung während der Untersuchungshaft fristlos gekündigt. Mein Mann blieb einige Monate in Untersuchungshaft.

Wie haben Sie die Inhaftierung erlebt?
Peter Glaus: Die Polizei tauchte bei mir auf, holte mich ab und fuhr mich ins Büro, wo ich Unterlagen aushändigen musste. Ich verstand überhaupt nicht, was vor sich ging. Anschliessend brachten sie mich auf den Polizeiposten. Ich verbrachte die Nacht in einer Zelle und wurde am nächsten Morgen dem zuständigen Staatsanwalt überstellt. Nach dem Verhör teilte mir dieser mit, dass ich wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft bleiben müsse. Meine Frau konnte mich erst nach einem Monat zum ersten Mal besuchen.
Valérie Glaus: Schon in der ersten Woche versuchte ich mehrmals, meinen Mann zu besuchen. Ich durfte ihn aber nicht sehen. Niemand sagte mir, worum es sich handelt, es hiess einfach, ich müsse warten. Auch bei der Hausdurchsuchung liess man mich im Ungewissen. Zum Glück traf ich auf dem Polizeiposten eine Person, die Mitgefühl zeigte und mir inoffiziell schilderte, was meinem Mann zur Last gelegt wurde. Später erhielt ich Kontakt zum Anwalt meines Mannes, merkte aber, dass dieser sich in zahlreiche Widersprüche verstrickte. Ich realisierte, dass mein Mann nicht gut vertreten war. Verzweifelt suchte ich Tag und Nacht nach einem Anwalt. Schliesslich fand ich einen guten Rechtsanwalt, der meine Kriterien erfüllen konnte.

Wie hat Renate Grossenbacher Sie unterstützt?
Valérie Glaus: Sie bot mir Lebensmittel an, doch das wollte ich nicht. Ich hatte genug eigenes Gemüse im Garten. Ohnehin hatte ich überhaupt kein Hunger, sondern wollte einfach nur sterben. Renate nahm meine Verzweiflung und meine Wut sehr ernst. Es tat mir gut, mit ihr zu reden, das gab mir neuen Mut, und dafür bin ich dankbar. Sie bemühte sich um ein Erlassgesuch für unsere Steuerschulden. Ich jedoch beschloss, diese in Raten abzuzahlen. Renate ermöglichte es mir auch, zusammen mit meinen Kindern eine Woche Ferien in den Bergen zu verbringen. Dort konnte ich zur Ruhe kommen und mir täglich viel Zeit fürs Gebet nehmen.
Peter Glaus: Die Schwierigkeit war, dass meine Frau das Vertrauen in die Menschen verloren hatte und nicht mehr wusste, an wen sie sich wenden konnte. Eine neutrale und verlässliche Person kann in einem solchen einem Moment viel Gutes bewirken – noch dazu eine kompetente Person, die professionell arbeitet und anleiten kann, wie man einen Anwalt sucht oder die Steuerschulden zurückzahlt. Allein schon, dass jemand zuhört, bedeutet in einer solchen Situation sehr viel. Renate Grossenbacher verurteilte niemanden, sondern interessierte sich für meine Frau als Mensch. Meine Frau fasste Vertrauen und konnte sich bei ihr anlehnen. Als ich erfuhr, dass jemand meiner Frau zur Seite stand, beruhigte mich das, denn meine grösste Sorge galt der Familie.

Haben Sie in dieser Zeit Eigenschaften an sich entdeckt, die Ihnen zuvor unbekannt waren?
Valérie Glaus: Ich bin eine starke Frau, aber in dieser Situation musste ich noch viel stärker sein, denn es waren sehr schwierige Momente. Obwohl ich innerlich verletzt und mutlos war, musste ich im Freundeskreis und in der Nachbarschaft eine fröhliche und selbstsichere Fassade aufrechterhalten. Oft musste ich gesellschaftlichen Verpflichtungen nachgehen oder Einladungen annehmen, obwohl mir ganz und gar nicht danach zumute war. Ich kam mir vor wie im falschen Film und fragte mich: Was mache ich eigentlich hier?
Peter Glaus: Wie stark meine Frau ist, hat mich auch überrascht. Ihr Gespür für die ganze Situation, ihre Intervention mit den Anwälten, ihre Standhaftigkeit bei der Polizei, ihre Fähigkeit, sich durchzukämpfen und zu verhandeln – das ist nicht einfach. Dazu musste sie die Kinder beschäftigen und von der schwierigen Situation ablenken. Auch die Kommunikation mit meiner grossen Familie, die sich verständlicherweise Sorgen machte, hielt meine Frau aufrecht. Obwohl sie oft weinte, konnte sie sich nach aussen anders geben, als es ihr innerlich zumute war.

Konnten Sie sich in dieser ganzen Zeit auch selbst etwas zuliebe tun?
Valérie Glaus: Nein, ich habe einfach nur funktioniert. Ich verlor 15 Kilo und hatte überhaupt keine Zeit für mich selbst. Das Haus, der grosse Garten, die Kinder mit ihren Aktivitäten … Und selbst wenn ich nicht motiviert war, die Kinder wollten etwas unternehmen. Ich ging zwar mit, aber in meinem Kopf rotierte es ständig. Es hat mich sehr belastet, dass mein Mann unschuldig in Untersuchungshaft war. Zuvor hatte ich ein gutes Leben gehabt, und mit einem Mal verlor ich alles. Ich kam an meine Grenzen und war sehr müde. Ich leide nach wie vor an Schlafstörungen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Werden Sie den Kontakt zu Renate Grossenbacher behalten?
Valérie Glaus: Ja, es gibt noch ein paar Dinge, die mich selber betreffen und die ich gerne mit Renate besprechen möchte. Die Treffen werden aber sporadisch und nach Bedarf stattfinden – wenn wir beide dafür Zeit finden. Ich habe grosses Vertrauen in sie.
Peter Glaus: Es ist sehr wichtig, dass eine Bezugsperson da ist. Für eine einzelne Beratung reicht auch ein oberflächlicher Kontakt, aber für eine intensive Begleitung muss eine Beziehung da sein. Unsere finanzielle Lage hat sich nicht gebessert und es gibt immer noch viele offene Punkte. Es ist eine schwierige Situation, die noch lange dauern wird und viel Geduld braucht. Wir haben hohe Schulden. Aber damals wie heute und auch für die Zukunft verlassen wir uns auf Gott, denn er verlässt uns nie. Wir bleiben stark und blicken trotz allem optimistisch in die Zukunft. Wir sind auf dem richtigen Weg. Dieses Erlebnis hat uns stärker gemacht – als Menschen und als Familie. Unsere Botschaft ist: Solidarität ist in solchen Situationen heilig.

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