Interview mit Sozialvorsteher Raphael Golta

Raphael Golta, Sozialvorsteher Zürich (SP)
Raphael Golta, seit 2014 Sozialvorsteher der Stadt Zürich und SP-Stadtratsmitglied.

Raphael Golta wurde 2014 in den Zürcher Stadtrat gewählt und ist seither Vorsteher des Sozialdepartements. In seiner Funktion begegnet er Armut regelmässig. Im Interview nimmt er Stellung zum Thema Working Poor. Reinhören lohnt sich!

 

Arbeitslosigkeit

Welches sind die grössten Probleme von Arbeitslosen? Mit welchen Gefahren müssen Arbeitslose umgehen?

Wenn jemand seine Arbeit verliert, entfällt im ersten Moment ein wichtiger Inhalt, oder die bisherige Lebensaufgabe. Dies ist für viele Menschen schwierig zu verkraften, da damit auch ein Ziel verloren geht. Es führt zu Verunsicherung und bei Leuten mit bisher niedrigem Einkommen auch schnell einmal zu existenziellen Ängsten. Es ist auch immer eine Frage der Perspektive: Was ist in zwei, drei Jahren mit mir? Wann finde ich wieder einen Job? Es kommen viele Risiken und Probleme auf solche Menschen zu.

Mit welchen Massnahmen kommt man aus dieser Situation wieder raus?

Für die meisten Menschen, die in normalen Zeiten erwerbslos werden, findet sich wieder eine Lösung. Sie suchen und bewerben sich, müssen vielleicht auch ein paar Abstriche machen, aber sie finden selber aus der Erwerbslosigkeit heraus. 

In der Stadt Zürich kann es aber für gering qualifizierte Menschen, die eventuell auch nie einen Berufsabschluss gemacht haben, oder die sich seit der ursprünglichen Ausbildung nie mehr weitergebildet haben, zunehmend schwierig werden. Gerade auch, wenn sie gewisse Altersgrenzen überschritten haben. Hier ist es unsere Aufgabe als Sozialdepartement, solche Menschen zu unterstützen, z. B. durch Massnahmen, die ihre Arbeitsmarktfähigkeit erhöhen.

Was passiert mit jenen, die kein Anrecht mehr haben auf Arbeitslosenentschädigung? Die Ausgesteuerten sieht man ja nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik...

In der Tat ist es für Personen, die keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosentaggelder haben, noch einmal schwieriger. Sie haben in der Regel eine längere Zeit erfolgloser Bewerbungen hinter sich, was zu zunehmendem Frust und Verunsicherung führt. Wie viel Vermögen habe ich noch? Wie lange dauert es noch, bis ich mein Vermögen aufgebraucht habe? Wenn das Vermögen aufgebraucht ist, unterstützt die Sozialhilfe finanziell und auch bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt.

Wie fühlt man sich als erwerbslose Person?

Ich hatte selber zum Glück nie diese existenzielle Situation, stelle sie mir aber extrem anspruchsvoll vor. Wenn man nicht nur für sich, sondern auch noch für eine Familie sorgen muss, kommen sehr viele beklemmende Ängste zusammen. Unsere Aufgabe ist es, diese Menschen zu unterstützen, damit die Angst abnimmt und sie sich einigermassen abgesichert fühlen. Dazu gehört auch, dass wir eine erstrebenswerte Perspektive schaffen. Letzteres ist enorm wichtig, damit man weiterhin die Energie und Lebensgeister aufbringen kann und sich nicht aufgibt. 

Wir stellen fest, dass grundsätzlich der Wille, zu arbeiten vorhanden ist - ohne Perspektive geht es aber häufig nicht. Oftmals fehlt dann nach längerer Erwerbslosigkeit auch der Glaube, dass es so schnell klappen wird.

Wo sehen Sie den freien Arbeitsmarkt versagen?

Generell kann man sagen, dass der Zürcher und generell auch der Schweizer Arbeitsmarkt in normalen wirtschaftlichen Zeiten sehr aufnahmefähig ist. Rein von den Zahlen her stehen wir in unserem Land recht gut da. Klar ist aber, wir haben in der Schweiz Angestellte in prekären Verhältnissen mit tiefen Löhnen, Personen, die zwischen Selbständigkeit und Scheinselbständigkeit hängen, für die unser Arbeitsmarkt zu wenig gut funktioniert.

Die Frage ist, ob wir nicht Menschen mit niedrigen Löhnen unterstützen sollte, indem man Mindestlöhne aushandelt. Wir haben auch das Problem der fehlenden Versicherungsleistungen, die für Zugewanderte nicht zugänglich sind. Es wäre gut, wenn diese nicht bei Tag eins nach Verlust ihrer Arbeit sozialhilfeabhängig werden.

Welche Entwicklungen stellen Sie in Bezug auf Corona fest?

Einerseits stellten wir fest, dass es Menschen gibt, die bereits am ersten Tag des Lockdowns auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen waren, weil Sie keinen Erwerb mehr hatten und die Versicherungsleistungen fehlten. Die Herausforderung ist nun, dass wir nicht wissen, wie sich die Wirtschaft weiterentwickeln wird. Es dürfte länger dauern, bis sich die Wirtschaft wieder erholt. Das wird besonders die Menschen treffen, die zuvor in prekären Arbeitsverhältnissen waren. Wir befürchten, dass die bisherigen Herausforderungen des Arbeitsmarktes für gering qualifizierte Arbeitskräften mit wenig Bildung "im Rucksack" längerfristig noch zunehmen werden. 

Working Poor

Welches sind die grössten Probleme und Begleiterscheinungen der "Working Poor"?

Einerseits ist es eine Frage des Lohnniveaus, das diese Menschen haben. Es sind Menschen, die zu einem sehr tiefen Lohn angestellt sind. Andererseits ist es die fehlende Sicherheit. Gerade bei Personen, die stundenweise oder auf Abruf eingesetzt werden, z. B. im Haushalt oder Gastgewerbe, schwankt der Beschäftigungsgrad extrem. Vom einen auf den anderen Tag fehlt Einkommen, was zu Stress und Unsicherheit führt. Unser erstes Ziel muss es sein, möglichst viele Menschen in einen geregelten Erwerb zu bringen, mit allem was dort dazugehört - mit einem sicheren Lohn, aber auch einer minimalen Sicherung, wenn der Lohn wegfällt.

... und in der Corona-Zeit ist wohl genau das Gegenteil passiert?

Ja, wir haben festgestellt, dass es mit dem Lockdown sehr schnell Leute gab, die zum Beispiel nicht mehr in Haushalte putzen gehen konnten. Dass es Angestellte gibt, die die ersten sind, die von den Unternehmen nicht mehr eingesetzt worden sind. Da prasselt dann einiges auf diese Menschen ein: fehlendes Geld, fehlende Sicherheit, fehlende Perspektiven. Das sind die ersten und die am stärksten Betroffenen einer Krise wie dieser.

Gibt es Statistiken oder Schätzungen über die "Working Poor" in der Schweiz?

Es gibt zwar Statistiken, jedoch bilden diese nur einen Teilbereich ab. Das Phänomen "Working Poor" ist in Graubereichen zu finden, die sich der Statistik häufig entziehen. Menschen ohne Aufenthaltsbewilligungen - die "sans papiers" dürften von der jetzigen Krise besonders stark betroffen sein. Hier müssen wir neue Wege entwickeln, um an diese Menschen heranzukommen und sie zu unterstützen, gerade weil sie in den offiziellen Statistiken nicht erscheinen. Sichtbar werden die "Working Poor" vor allem in Krisenzeiten, wo wir plötzlich merken, dass einige schon an Tag eins des Lockdowns keine finanziellen Mittel mehr haben. Das zeigt einem keine Statistik an.

Die Heilsarmee und Armut generell

Wie kennen und erleben Sie die Heilsarmee?

Die Heilsarmee ist sicher eine der Institutionen, die sehr sichtbar ist in Zürich, die sehr viel macht im Bereich des sozialen Engagements. Wir haben zum Glück sehr viele Institutionen, die mit uns am gleichen Strick ziehen, um gerade auch Menschen zu unterstützen, die es nicht so gut haben. Ich denke für uns ist es wichtig, dass wir in Zürich Hilfswerke haben, die Menschen erreichen können, die Vorbehalte gegenüber staatlicher Unterstützung haben.

Haben Sie einen Wunsch an die Heilsarmee? Was könnte sie besser machen?

Ich habe keinen direkten Wunsch an die Institutionen, die uns unterstützen und in der Stadt Zürich für ein soziales Umfeld sorgen. Wichtig ist, dass wir auch in Zukunft gut zusammenarbeiten und verschiedenste Organisationen versuchen, die Lehren aus dieser Krise zu ziehen. Wo gibt es noch Lücken in userer sozialen Sicherung? Dann sind wir auch für die nächste Krise besser gewappnet. Ich bin sehr dankbar, dass wir nicht alleine waren in diesen letzten Monaten. Dass wir auch in der Zivilgesellschaft und den gemeinnützigen Organisationen auf Unterstützung zählen konnten. Gerade in den ersten Wochen war dies enorm wichtig, da wir alle extrem gefordert waren.

Wie erklären Sie sich, dass es in einem so reichen Land wie der Schweiz Armut existiert?

In der Schweiz haben wir grundsätzlich ein sehr gut ausgebautes Sozialsicherungssystem. Das (politisch gewollte) Problem ist aber, dass es grössere Lücken, gerade in der Versicherung von prekär Beschäftigten und Selbständigen hat. Wir haben Sozialleistungen, die Menschen ohne Schweizer Pass nicht in der gleichen Form zugänglich sind. Wir haben Menschen unter uns, die viele Jahre in der Schweiz gearbeitet haben, die Angst davor haben, irgendwann von der Sozialhilfe abhängig zu werden. Die dadurch ihre Aufenthaltsbewilligung verlieren würden. Wir haben einen Teil der Bevölkerung, die an diesem Wohlstand mitgearbeitet hat, z. B. die Sans-Papier, die aber keinerlei soziale Absicherung haben. Das sind genau jene Menschen, die jetzt stark von der Krise betroffen sind. 

Wir müssen nun alle gemeinsam bereit sein, diese Lücken zu schliessen, denn wir haben die Mittel dazu.