Heilsarmee Offizierin mit Michaela B

Die Geschichte von Michaela B.

«Ich trinke, weil es mir hilft, meine Gedanken an all die dunklen Stunden zu verdrängen. Nach langen schla osen Nächten lassen mich der Alkohol und meine Tabletten in einen unruhigen Schlaf fallen. Vor einem Jahr passierte mir das sogar mit der Zigarettenkippe in der Hand. Als ich wieder zu mir kam, stand ein Teil der Küche in Flammen. Zum Glück half mir die Heilsarmee, mein Zuhause trotzdem zu behalten.

Misshandelt von der eigenen Mutter.

Der Gedanke, meine eigenen vier Wände zu verlieren, machte mir grosse Angst. Schon als Kind war ich nirgends richtig zuhause. Meine lange Heimkarriere begann früh. Verzweifelt und ungewollt schwanger, gab mich meine Mutter als Säugling weg. Sie hatte bereits ein Kind von einem verheirateten Mann. Meinen Bruder, den sie auch schon ins Heim abgeschoben hatte. Die grosse Verantwortung, Mutter zu sein, wollte sie nie wahrnehmen. Wir waren nur noch am Wochenende bei ihr und sie war trotzdem überfordert. Meine eigene Mutter misshandelte mich mehrmals. Das habe ich ihr bis heute nicht verziehen und sie oft ganz weit weg gewünscht. Ich fühlte mich ungeliebt und einsam. Ich frass den Kummer und viel zu viel Essen in mich hinein und kotzte danach alles wieder aus. Mit 13 Jahren versuchte ich, mich mit Tabletten umzubringen – erfolglos.

Lehre geschafft und trotzdem am Boden.

Das Leid ging weiter, einen Freund fand ich im Alkohol. Ich trank immer regelmässiger. Dass ich bereits abhängig war, merkte ich erst, als ich eines Nachts keinen Alkohol mehr auftreiben konnte. Trotz dem starken Verlangen spürte ich hin und wieder eine gute Kraft, die mich davon wegführen wollte. In einem von Nonnen geleiteten Heim machte ich meinen Abschluss zur diplomierten Haushälterin. Ich weiss noch heute nicht, wie ich das damals alles geschafft habe. Nach der Lehre nahm ich einen Job in einer Fabrik an, wo ich mein Leben dann aber vollends an die Wand fuhr.

Einsame Freunde

Mit der Schichtarbeit hatte ich mehr Geld und Zeit für Alkohol. Tagelang hing ich mit den falschen Freunden rum, konsumierte Haschisch, LSD und Heroin. Ich fühlte mich unglaublich einsam. Die Sucht bestimmte meine Tage, an Arbeit war nicht mehr zu denken. Ich bekam einen Beistand, versuchte später mit Entzügen und Therapien, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Doch irgendwie stimmte die Chemie zwischen mir und den Therapeuten nicht. Ich spreche gerne und viel mit anderen Menschen, mich jemandem anzuvertrauen, fällt mir aber schwer. So erschien ich immer unregelmässiger zu den Terminen. Die Suchtberatung empfahl mir schliesslich die Sozialberatungsstelle der Heilsarmee. Dort sollte ich unter anderem lernen, besser mit meinen Finanzen umzugehen. Die Hilfe der Heilsarmee ging jedoch weit darüber hinaus.

Am Montag kommt mein Engel.

Man nahm sich Zeit für mich und begegnete mir mit grosser Offenheit. Seit zehn Jahren gehe ich wöchentlich zur Heilsarmee-Beratungsstelle. Besonders freue ich mich immer auf meinen Montagsengel, Frau Fischer, die mich zuhause besucht. Dank der Wohnbegleitung der Heilsarmee konnte ich meine geliebte Wohnung trotz dem Küchenbrand behalten. Mit der Sozialarbeiterin Frau Fischer kann ich über meine Probleme und die Sucht sprechen. Ich fühle mich getragen und bin überaus dankbar für ihre Hilfe. Ich denke mehr über mein eigenes Tun nach und erkenne, wenn etwas nur eine Schnapsidee war: zum Beispiel, mich umbringen zu wollen.

Frau Fischer ermuntert mich, auch andere Leute aus der Wohnbegleitung zu treffen. Bis jetzt habe ich mich noch nicht getraut. Ich weiss aber, dass mir die Gemeinschaft guttun würde. Nach über 20 Jahren Sucht kehrt langsam etwas Ruhe in mein Leben ein. Ich bin zuverlässiger geworden und halte mich an Termine, wie heute zum Beispiel. Dass ich heute hier meine Geschichte erzähle, bedeutet mir viel. Seit langem kann ich wieder einmal auf mich stolz sein.»