Jan S und Heilsarmee Offizier

«Ich erinnerte mich, dass mir ein Freund von der «Brücke» erzählt hatte. Nur wenige Meter vom Bahnhof Liestal entfernt gibt die Heilsarmee Gutscheine für Essen ab und bietet Schlafplätze an. Seit Wochen hatte ich mich auf der Strasse durchgeschlagen und mal hier, mal da bei Bekannten auf dem Sofa übernachtet. Aus der Wohngemeinschaft war ich rausgeflogen. Geld war bei mir oft Mangelware. Reichte es für die Miete mal wieder nicht, fragte ich meine Oma.

Auf Dauer ging auch das nicht mehr. Viel zu lange war mir das Kiffen wichtiger gewesen, als meine Ausbildung nachzuholen. Schulden und Betreibungen häuften sich. Bereits mit 16 versagte ich zum ersten Mal: Mein erster Versuch, eine Lehre zu meinem Traumberuf Schreiner zu machen, scheiterte.

Joints statt Tanzen

Auch meine zweite Chance, die Lehre im Detailhandel, fuhr ich an die Wand. Tanzen war meine grosse Leidenschaft. Von den Breakdance-Wettbewerben kam ich jedoch oft mit Verletzungen zurück. Mein zweiter Lehrmeister duldete die Ausfälle nicht länger und stellte mir ein Ultimatum. Ich entschied mich zwar für die Lehre, aber Spass machte es mir keinen mehr. Das Tanzen fehlte mir. Ich hatte einfach zu viel Energie in mir, die Joints stellten mich ruhig. Den Stoff gab es auf dem Schwarzmarkt oder von Kumpels. Ich kam immer häufiger zu spät zur Arbeit, manchmal fehlte ich tagelang. Mit dem Lehrabbruch wurde es auch zuhause immer schwieriger.

Sieben Jahre im Sumpf

Niemand konnte mich motivieren. Ziele hatte ich keine mehr, dafür den Vollanschiss. Zuhause verstanden sie mich schon lange nicht mehr. Kurz nach der Scheidung meiner Eltern ist Mutters neuer Freund bei uns eingezogen. Ein unterstützender Vater war er mir nicht. Erst viele Jahre später merkte ich, dass auch das Spuren bei mir hinterlassen hat. Kein Vater konnte mir zeigen, wie ich ein Werkzeug in die Hand nehmen oder mich rasieren muss.

Meine Mutter war mit mir und meiner Sucht überfordert. Sie beschuldigte meine Freunde, sie würden mich zum Drogenkonsum anstiften. Das trieb mich immer weiter von zuhause weg. Mit 18 zog ich aus und versank im Drogensumpf. Sieben Jahre lang. Echt schwierig, diese Zeit in einem Lebenslauf zu beschreiben. Ich kann mich praktisch an nichts mehr erinnern. Nur noch daran, dass ich in einer Lebensmittelfabrik gejobbt habe, um irgendwie über die Runden zu kommen.

 

Aus Fehlern lernen und Gutes tun

Obwohl ich 2011 eine Suchttherapie gemacht habe, verfolgen mich die Versagensängste und meine Schulden noch heute. Doch bei der Heilsarmee habe ich gelernt, dass ich Fehler machen darf und mich den Schwierigkeiten stellen muss. Seit letztem Mai wohne ich nun im Wohnheim «Die Brücke» an der Oristalstrasse in Liestal. Hier fühle ich mich sehr wohl und geborgen.

Es ist toll, wie ich unterstützt und gefördert werde. In der Werkstatt habe ich gemerkt, dass auch ich etwas erreichen kann. Wir stellen Wasserpumpen her, die in Ostafrika später gebraucht werden, um Felder zu bewässern. Mir gefällt die handwerkliche Arbeit und dass wir mit den Pumpen auch Gutes tun. Es motiviert mich, wieder an meine Zukunft zu denken.

Menschliches Auffangnetz

Seit einem halben Jahr arbeite ich 40 Prozent im Büro des Mahlzeitendienstes «Essen daheim» der Heilsarmee in Basel. Nach einem Monat als Ferienaushilfe klappte es mit der Teilzeitanstellung. Ich hätte nie gedacht, dass sich die Heilsarmee trotz der vielen Bewerber für mich entscheidet. Mein Ziel ist es, regelmässig und pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Bei Schwierigkeiten will ich nicht mehr abhauen. Wenn ich das schaffe, werde ich nächstes Jahr bereit sein, meinen kaufmännischen Lehrabschluss nachzuholen. Ich bin froh, dass ich bei der Heilsarmee Gemeinschaft und ein menschliches Auffangnetz gefunden habe. Auch wenn wieder ein Tief kommt, ist jemand da, der mir Halt gibt, weiterzumachen.»